Klubgeschichte

1919 – 2019 – 100 Jahre Schwingklub Zofingen und Umgebung

 Geprägt durch aussergewöhnliche Persönlichkeiten

 Die Rückschau auf 100 Jahre Klubgeschichte zeigt, dass der Schwingklub Zofingen und Umgebung im gesellschaftlichen Leben des Westaargaus grosse Annerkennung und Wertschätzung geniesst, nicht zuletzt dank der unterschiedlichen starken Charaktere, die dem Klub immer wieder ihren Stempel aufgedrückt haben. Zwar hat der Klub seinen Sitz in Zofingen, doch deckt er den ganzen Bezirk Zofingen sowie daran angrenzende Gebiete in den Kantonen Luzern und Solothurn ab. Er ist einer von acht Schwingklubs im Kanton und ist dem Aargauisch Kantonalen Schwingerverband angeschlossen. 

Aus den Chroniken

Der Schwingklub Zofingen wurde in zwei Schritten gegründet: Am 31. Januar 1919 trafen sich die einige Turner auf Einladung des damals 25-jährigen Emil Bachmann im Raben Zofingen, um die Gründung eines Schwingklubs zu besprechen. Ein Initiativkomitee hatte in drei Sitzungen die Statuten beraten und nachfolgend auf den Sonntag 9. Februar 1919 um halb drei Nachmittags zu einer konstituierenden Versammlung eingeladen. An der Geburtstunde des Klubs waren trotz Schneesturm und verschneiten Strassen 57 Schwinger und Schwingerfreunde im Raben anwesend, wobei sich 43 als Aktive und 14 als Passive in den Klub aufnehmen liessen. Über die Historie des Klubs geben die Jubiläumschriften zum 10-, 25-, 50- und 75-jährigen Bestehen bestens Auskunft und reflektieren die Geschehnisse während den entsprechenden Epochen. Im Jubiläumsjahr 2019 wird eine weitere Festschrift erscheinen, welche auf die ersten 100 Vereinsjahre zurückblickt. Weitergehende Berichte zum Klub als auch aktuelle Informationen findet man im Internet auf der Vereinshomepage www.sk-zofingen.ch.

Aussergewöhnliche Persönlichkeiten

Für den Schwingklub Zofingen haben immer wieder aussergewöhnliche Persönlichkeiten viel die Ehre eingelegt. 1941 erreicht die Klubgeschichte mit der  Wahl von Emil Bachmann, seit 1934 Ehrenpräsident des Schwingklubs Zofingen, zum Obmann des Eidgenössischen Schwingerverbandes einen ersten Höhepunkt. Seine Amtszeit endet 1948. Diese war durch den zweiten Weltkrieg geprägt. In seinem Todesjahr 1958 kommt es zum absoluten sportlichen Höhepunkt. Am Eidgenössischen Schwingfest in Freiburg, dem absoluten Saisonhöhepunkt, spielt der Oftringer Max Widmer eine wahre Bombenform aus. Auch berühmte, sieggewohnte Schwinger wie Walter Flach (zweimal), Hans Münger, Kurt Schild und Otto Brändli haben an diesem unvergesslichen Fest überhaupt keine Chancen und werden wie alle anderen Gegner in glänzender Manier besiegt und ins Kurzholz befördert. Der Beste hat gewonnen – Max Widmer ist verdientermassen Schwingerkönig. Dadurch fällt dem Klub auch die Ehre zu, einer derjenigen wenigen zu sein, welcher einen Schwingerkönig in seinen Reihen hat. 1979 wird mit Hans Bäni ein zweites Klubmitglied von der Abgeordnetenversammlung zum Obmann des Eidgenössischen Schwingerverbandes gewählt. In seine Amtszeit fallen die Eidgenössischen Schwingfeste 1980 in St. Gallen und 1983 in Langenthal sowie der Unspunnenschwinget 1981. Im folgt 2002 mit Hans Pauli ein weiterer Obmann aus dem Klub nach. Drei Obmänner aus dem gleichen Klub in 100 Jahren ist einmalig und wird noch lange unerreicht bleiben. Hans Pauli krönte die  Schwingerkönig 2004 in Luzern und 2007 in Aarau. 2006 wurde zudem in seiner Amtszeit der 2005 wegen Hochwassers verschobene Unspunnenschwinget nachgeholt. 2005 fand zudem die Eidgenössische Abgeordnetenversammlung in Zofingen statt. Aufgrund des Turnus vergeht es jeweils Jahrzehnte, bis ein Klub mit der Durchführung beauftragt wird.

Mit einem  Schwingerkönig und drei Obmännern nimmt der Schwingklub Zofingen gesamtschweizerisch eine einmalige Sonderstellung unter allen Schwingklubs ein.

Schwingerische Glanzpunkte

Der Königstitel von Max Widmer ist und bleibt zwar der herausragende schwingerische Glanzpunkt. Doch auch im letzten rund 40 Jahren gab es einige schöne Erfolge zu feiern. 1980 durch Hans Pauli (St. Gallen), 1995 durch Peter Schär (Chur) und 2016 durch Patrick Räbmatter (Estavayer-le-Lac) konnte drei Mal eidgenössisches Eichenlaub erobert werden. Den Siegermuni drei Mal in Empfang nehmen durfte der Kirchleerauer Roger Schenk. Er obsiegte am Solothurner Kantonalschwingfest 2001 (Lauperstorf) und 2003 (Büsserach) sowie 2001 am Nordwestchweizer Teilverbandsfest in Laufen. Patrick Räbmatter konnte das Basellandschaftliche Schwingfest 2015 (Ormalingen) für sich entscheiden. Doch auch die Vorfahren konnten in den ersten 50 Jahren diverse Feste für sich entscheiden und viele Erfolge für sich verbuchen.

Ein paar Zahlen und Rekorde

Im Jahr 1930 zählte der Klub 159 Aktivschwinger (aktuell 14) – man stelle sich den Trainingsbetrieb von damals vor. Dies hat sicherlich auch damit zu tun, dass damals wie heute keine grossen Auslagen für die Sportausrüstung anfallen und der Vereinsbeitrag marginal ist. Die einzigen höheren Auslagen entstehen bei den Schuhen, dies um das Verletzungsrisiko zu minimieren. 1954 heimste der Klub am Aargauer Kantonalschwingfest in Unterentfelden im Sog von Festsieger Max Widmer die Rekordzahl von 12 Kranzgewinnen am selben Fest ein. Diese Anzahl wird heute nicht mal mehr im ganzen Jahr erreicht. Vielleicht war dies eine Folge des Einbaus einer Dusche im Schwingkeller im Jahr davor?

Niklaus Thut Schwinget

Da Ende der siebziger Jahre der Terminkalender der Schwinger immer dichter, die Übernahme des Frühjahrsschwingets durch einen Turnverein immer schwieriger wurde, suchte man nach neuen Lösungen. Das Frühjahrs- und Herbstschwinget sollte zusammengelegt und in eigener Regie durchgeführt werden. Auf der Suche zu einem passenden Namen wurde man schnell fündig. Was war naheliegender, als der Name des Zofinger Stadthelden in der Schlacht bei Sempach? Niklaus Thut-Schwinget sollte dieser Anlass in Zukunft heissen. Damit wurde auch die Verbundenheit der Schwinger mit dem Thutstädtchen Zofingen einmal mehr eindrücklich dokumentiert. Seit 1980 wurde das Fest 32 Mal durchgeführt und zählt manch namhaften Sieger, auch aus den eigenen Reihen (Roger Schenk, Philipp Lötscher, Patrick Räbmatter). Ausgelassen wurde das Fest nur wenn ein grösser Anlass in der Region zu organisieren war. Dies war in den Jahren 1984 (Safenwil), 1993 (Zofingen), 2001 (Rothrist) und 2009 (Aarburg) mit dem Aargauer Kantonalen und 1995 (Vordemwald) mit dem Nordwestschweizer Schwingfest der Fall.

Klein aber oho

Das nicht noch mehr Siege oder Spitzenplatzierungen erreicht wurden, liegt nicht im technischen sondern im körperlichen Bereich. Viele gute Zofinger Schwinger konnten mit ihrer Körpergrösse leider nicht ganz mit der absoluten Spitze mithalten. Trotzdem erreichten etwa Valentin Bosshart, Ernst Leu und die vier Arnold Brüder – Philipp, Simon, Matthias und Kornel ausgezeichnete Resultate und stellten dem einen oder anderen Favoriten ein Bein. So bettete etwa Valentin Bosshart an einem Allweg-Schwinget den damals amtierenden Schwingerkönig Ernst Schläpfer ins Kurzholz.

Ausländerintegration

In einen weiteren Bereich steht der Schwingklub an vorderster Front – der Integration von ausländischen Mitbürgern ins Schweizer Brauchtum. Der Kranzschwinger Kadri Jsufi, in seiner Heimat einst ein gefürchteter Ringer, ist dafür der beste Beweis. Er hatte sogar einen längeren Auftritt in Beat Schlatters Film „Hoselupf“. Und seine beiden Söhne haben das Talent des Vaters geerbt und sind als Aktivschwinger für die Zofinger Farben im Einsatz. Auch weitere Talente mit Migrationshintergrund sind ab und an den Weg in den Schwingkeller und kommen somit mit dem Schweizer Nationalsport in Berührung.

Vom Hobby zum Spitzensport

Einst war das Schwingen ein vergnügliches Sonntagsspiel insbesondere der Landwirte und Handwerker. Da gab es noch keinen Schwingkeller oder ein organisiertes Training – da reichte die tägliche harte Arbeit problemlos aus. Oft wurde im Kreise der Nachbarhöfe in den Randstunden gerauft und dann am Wochenende die Kräfte am Schwingfest gemessen. Langsam aber stetig fand eine Professionalisierung statt. Schon bald gab es regelmässige und organisierte Übungseinheiten im Schwingkeller. Heute sind die Spitzenschwinger fast jeden Tag im Training. Ohne diesen Aufwand sind praktisch keine absoluten Topresultate möglich. Seit ein paar Jahren gehört Schwingen Swiss Olympic an und untersteht dessen Regeln.

Nachwuchsförderung

Schon bald massen sich auch Buben und Jünglinge im Rahmen der Frühjahres- und Herbstschwinget. Seit rund 70 Jahren werden auch Kantonale Nachwuchsschwingfeste durchgeführt. Um sich dem Nachwuchs besser annehmen zu können, wurde im Verein 1974 das Amt des Jungschwingerobmanns geschaffen. Damit sollten die jungen Talente gefördert werden. Schon manch einer, der die Jungschwingerszene dominiert hat, fand den Anschluss bei den Aktiven nicht mehr. Die Phase des Übertritts mit 16 Jahren ist nicht sehr einfach und braucht oft viel Durchhaltewillen, bis sich die Erfolge wieder einstellen. Manch einer gibt auf dieser Strecke auf, weshalb der Verein gerade in dieser Phase gefordert ist. Schwingen ist zwischenzeitlich von Jugend + Sport anerkannt und steht Mädchen und Jungen ab dem 1. Schuljahr offen. 2015 fand in Aarburg der 4. Eidgenössische Nachwuchsschwingertag statt. Dort massen sich unter dem Motto „Treffpunkt zukünftiger Könige“ die besten Nachwuchskräfte der Jahrgänge 1998, 1999 und 2000 der gesamten Schweiz zum friedlichen Stelldichein. Mit einer Bilanzsumme von mehr als einer halben Million Schweizer Franken und gut 3600 Zuschauern ist es das grösste und bedeutendste Fest, welches der Klub je organisiert hat. Drei Jahre später lieferte der fünfzehnjährige Rothrister Kantischüler Yanik Bucher am 5. Eidgenössischen Nachwuchsschwigertag in Landqaurt eine Glanzleistung ab. Mit sechs verschieden Schwüngen gewann er alle seine Gänge und durfte sich als überlegener Sieger seiner Jahrgangskategorie 2003 feiern lassen. Fast genau 60 Jahre nach Max Widmer zog damit wieder ein Schwinger des Klubs unwiderstehlich durch und sicherte sich einen eidgenössischen Titel. Damit machte Yanik Bucher dem Klub ein verfrühtes Jubiläumsgeschenk.

Starke Frauen

Auch das „schwache“ Geschlecht stellt im Klub „ihren“ Mann. Frau Vizestadtammann Dilli Schaub präsidierte 1993 als erste Frau das Organisationskomitee eines Aargauischen Kantonalschwingfests, der 86. Austragung in Zofingen. Ende des gleichen Jahres wurde ihr die Ehrenmitgliedschaft des Klubs verliehen, notabene hier ebenfalls als erster Frau. Mit Silvia Wilhelm-Widmer übernahm 2004 die Tochter von Schwingerkönig Max das Präsidiums des Klubs. Damit war sie die erste Frau, die in der Deutschschweiz einem Schwingklub führt. Dies tut sie bis heute umsichtig und mit grossem Erfolg. Etliche Mütter von Jungschwingern haben sich in diversen Organisationskomitees und Vorstandschargen engagiert und damit zum Erfolg des Klubs einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Ausblick ins Jubiläumsjahr

Das Jubliläusjahr ist gespickt mit Aktivitäten. So wird das 113. Aargauische Kantonalschwingfest am 26. Mai 2019 auf dem Thut-Platz stattfinden. Mit dem ersten Schwingfest in einer Altstadt, verbunden mit dreitägigen Aktivitäten rund um das Motto „Stadt und Land“, zeigt sich der Klub einmal mehr kreativ und geht neue Wege. Nebst der bereits erwähnten Jubiläumsschrift ist ein grosser Jubiläumsakt im Herbst geplant. Zudem wird sich der Klub am Zofinger Stadtfest Ende August mit einem Schwingerchalet beteiligen, um der gesamten Bevölkerung – und nicht nur den Schwingsportfans – den Verein näher zu bringen.

Schlussbetrachtung

Die Gründerväter konnten vor 100 Jahren kaum erahnen, welchen Grundstein sie gelegt haben. Der eine oder andere würde sich verdutzt die Augen rieben, wenn er sieht was sich alles verändert hat. Schwingen, einst als Sport der Bauern verspottet, ist heute aus dem sportlichen und kulturellen Leben der Region Zofingen nicht mehr wegzudenken. Dies hat sich auch an den regionalen Sportlerwahlen der letzten Jahre manifestiert. Diverse Siege und Podestplätze bei den Sportlern und Funktionären zeugen von der Popularität der Sportart und deren Protagonisten. Generell hat der Schwingsport in der Schweiz einen sehr hohen Stellenwert erreicht. Nationale Schwingergrössen sind die Gladiatoren unserer Zeit und Werbeikonen. Die Schwingfeste aller Art bringen Brot und Spiele zurück in eine globalisierte Welt und bitten darin Halt als urschweizerisches Brauchtum, welches Verwurzelung in der Heimat mit sich bringt.